Donnerstag, 6. April 2017

Das Leben mit Zweien

"Ein Kind ist kein Kind"... Ein Satz, den ich einfach nicht ausstehen kann.
Als wir noch zu dritt waren, empfand ich einen solchen Satz meist als Wichtigtuerei der Mehrfachmuttis, a la "Egal was du sagst, stell dich nicht so an! Im Vergleich zu meinem Alltag schwebst du auf Wolken aus Puderzucker!". Denn, ich weiß nicht warum, es scheint unter Müttern oft einen unausgesprochenen Wettbewerb zu geben, wer denn am meisten Stress hat, den härtesten Alltag bewältigt und die ärmste Sau von allen ist.
Außerdem finde ich diesen Satz ungerecht, denn dieses eine (erste) Kind hat das Leben der Mutter so entschieden auf den Kopf gestellt, sie überhaupt zu einer Mutter gemacht, einfach alles komplett verändert. Jedes weitere Kind wird diese Veränderungen noch verfestigen, bestätigen und intensivieren, aber kein weiteres Kind, wird dich so verändern wie das Erste. Und während du beim zweiten Kind vieles ganz entspannt und mit Erfahrung machst, bist du beim Ersten noch oft so unsicher und unerfahren, dass dir die alltäglichen Dinge viel schwerer fallen.

Nun gut, seit 6 Monaten bin ich also zweifach-Mutti. Ist der Alltag jetzt so viel anstrengender als vorher? War es vorher besser? Ist die Belastung wirklich so viel größer?

Natürlich ist der Alltag anstrengender geworden. Die kleinen Ruhepausen, die ich dank der mittlerweile recht selbständigen Chaosbraut gewonnen hatte, wurden vom Chaosbaby rücksichtslos gefüllt. Man funktioniert also von morgens bis abends im Mama-Modus.
Und während ich am Vormittag, während die Große im Kindergarten ist, noch eine recht entspannte Mama-Baby-Zeit verbringe, ist der Nachmittag mit zwei Kindern manchmal eine Herausforderung.
Der normale Alltag mit Kind 1 wird also ergänzt durch ein kleines Baby. So sitzt man beim Kinderturnern in der vollen Umkleide und stillt Kind 2, während man Kind 1 ungefähr ein Million Mal sagt, sie möge sich bitte umziehen. Man rennt im Stechschritt mit MaxiCosi und Kind 1 auf die Kundentoilette und stellt dann fest, dass einer von uns Dreien nicht mit in die Kabine passt. Die kleinen und großen Diskussionen mit Kind 1 werden regelmäßig mit Gebrüll von Kind 2 untermalt und das Gebrüll von Kind 2 wird regelmäßig durch Diskussionen mit Kind 1 ergänzt. Man hat immer irgendwen auf dem Arm oder an der Hand und im Kopf schwirren dutzende Gedanken und ToDos unsortiert umher und versinken im Strudel der Stilldemenz....
Bei den alltäglichen Dingen wie Essen, Waschen, Schlafengehen sind nun immer beide Eltern beschäftigt. Beide Kinder haben Bedürfnisse, die sie lautstark kundtun und einfordern. Im schlimmsten Fall ist man zur Schlafenszeit mit beiden Kindern alleine, was bei 2 übermüdeten Zwergen  manchmal einem Spaziergang durchs Mienenfeld gleich kommt.

Trotzdem - auch wenn es sich anders anhört, ich finde den Alltag völlig in Ordnung! Dass nun zwei kleine Wesen ihre Bedürfnisse haben, war ja von Anfang an klar.

Was mich aber ein wenig ärgert ist, dass ich vieles nicht mehr mit voller Hingabe mache. Wenn ich mit der Chaosbraut zusammen erzähle, male, puzzle oder spiele, dann balanciere ich dabei das Chaosbaby auf den Knien.... Oh, die hat Hunger ... oh, Moment da ist der Schnuller gefallen ... ach, nun isst sie die Puzzleteile auf... warte kurz, sie hat gespuckt...ich hab gerade nur eine Hand frei...
Und wenn ich mich mit dem Chaosbaby auf der Krabbeldecke beschäftige, führe ich nebenbei Gespräche mit der Chaosbraut.... Ja, ich habs gesehen ... ein schönes Bild! ... Nein, das kann ich jetzt nicht ... nein, jetzt nicht ... dann geh doch auf Toilette ... nein, das kannst du alleine ...
Die Ruhe und Gelassenheit manche Dinge zu tun, sich auf eine Sache bzw ein Kind zu konzentrieren, sind mit dem zweiten Kind dahin. Ich weiß, Kinder brauchen keine Helikoptermuttis! Aber es ist nur realistisch, dass das erste Kind bis zum Zeitpunkt der Geburt von Nummer 2 wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewohnt ist. Und auch ich als Mutter war es bisher gewohnt, mich voll und ganz dem einen Kind widmen zu können.

Ich verspreche der Chaosbraut also einen ganzen Tag lang, dass ich "gleich, wenn ich kurz Zeit habe" mit ihr auf dem Trampolin hüpfe und kann dieses Versprechen erst kurz vor dem Abendbrot für 5 Minuten einlösen. Seit Tagen möchte ich mit der Chaosbraut Ostereier färben, aber um mit den Eierfarben zu hantieren braucht es ein schlafendes Chaosbaby und das klappt am Nachmittag leider nur bedingt (und kurz). Auch möchte ich mich gerne mehr mit dem Chaosbaby beschäftigen, dem kleinen Bewegungsmuffel mehr gemeinsame Zeit auf der Krabbeldecke widmen -  statt dessen verbringt sie die Nachmittage in Babyschale, Trage oder Kinderwagen bei den Aktivitäten der großen Schwester.....

Also ist es doch so schlimm mit mehr als nur einem Kind? Nein! Ein Kind ist ein Kind, zwei Kinder sind eben zwei - schlaue Feststellung, oder? Natürlich ist es anstrengender, ein Horrorszenario blieb aber aus.
Wenn die Chaosbraut mir hilft ihre Schwester ins Bett zu bringen, den Schlafsack bereit legt, das Licht aus macht, sich neben mich und ihre Schwester legt und darauf wartet dass die Babyaugen zu fallen ... dann weiß ich, dass alles so seine Richtigkeit hat.
Und wenn das Chaosbaby so richtig herzlich und laut lacht wenn ihre Schwester für sie Blödsinn macht, dann bin ich mir sicher, dass den Kindern die aus meiner Sicht manchmal "halbherzige" Aufmerksamkeit nicht schadet. Denn der Mehrwert eines Geschwisterchens wiegt deutlich mehr!

Die Chaosbraut hat uns verändert, das Chaosbaby macht uns komplett. Es ist für uns alle eine neue Familiensituation - nicht immer leicht, es ist stressig und herausfordernd - aber auf jeden Fall eine Bereicherung!

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